Gefühle nach einem Jahr...

Gerade vor ein paar Tagen haben wir den 23.06.2006 gehabt - ich kann kaum glauben das schon ein Jahr vergangen ist. Die Zeit hat uns irgendwie überholt. Die Jahreszeiten kommen und gehen, die Menschen um uns herum leben weiter ... all das ist nur schwer begreifbar. Wären da nicht unsere beiden großen Jungs, wäre ich wohl noch immer in dem großen Loch, das mich vor einem Jahr verschlungen hat. Aus ihrer Lebenslust schöpfe ich wohl die Kraft jeden neuen Tag irgendwie zu bestehen und weiterzumachen. Manchmal frage ich mich wie ich das schaffe. Alles was ich tue, tue ich für sie. Mit ihrer Unbeschwertheit, ihrem Lachen und ihrem Hunger nach Leben holen sie mich immer wieder an den Rand "meines Lochs". Jedoch stehe ich immer auf der Kippe. An manchen Tagen gelingt es mir schon ganz gut stehen zu bleiben, oft wanke ich und versuche mich verzweifelt gerade zu halten und allzu oft zieht es mich in das Loch zurück. An solchen Tagen komme ich dann in Versuchung einfach unten sitzen zu bleiben, dem inneren Kampf der Gefühle nachzugeben... Irgendwie schaffe ich es dann aber doch weiter zu machen. Unterstüzt werde ich dabei zum Glück von meinem Mann. Er hat es bestimmt nicht immer leicht mit mir... Zum einem ist die Zeit auch an ihm nicht spurlos vorbeigezogen und zum anderen muß er oft sehr viel arbeiten, und wenn er dann abends nach Hause kommt muß er mich oft genug auffangen. Obwohl ich meine Arbeit aus "gesundheitlichen" Gründen aufgegeben habe und eigentlich den ganzen Tag zu Hause bin, bleibt doch immer wieder die Hausarbeit liegen, türmt sich sogar manchmal richtig auf. Ich sehe zwar, was alles zu tun ist, fühle mich aber manchmal innerlich wie gelähmt, kann einfach nichts machen...

Nach außen hin glauben viele, daß es uns jetzt wieder gut geht, schließlich ist ja ein Jahr vergangen. Ich kann es den Menschen noch nicht einmal übel nehmen, daß sie so denken, denn ich glaube wir haben eine ziemlich gute Fassade aufgebaut. Fassade...? Vielleicht sollte ich es eher den verzweifelten Versuch nennen mit dem Leben Schritt zu halten. Wir wurden aus dem Leben geschleudert, die Zeit blieb stehen. Unsere sicher geglaubte Welt ist aus den Fugen geraten und hat einen Teil unserer Zukunft verloren. Oft wurden wir enttäuscht, wo wir eigentlich Hilfe und Unterstützung erwartet haben, mußten unsere Gefühle und Schwierigkeiten rechtfertigen. Hat man denn wirklich von uns erwartet, daß wir so weiterleben können wie vorher? Unser Leben besteht jetzt aus zwei Hälften: Vor und nach Jaros´ Tod. Nichts ist mehr wie vorher. Mit Jaro ist auch ein Teil von uns gestorben. Vielleicht wird das etwas leichter verständlich durch den Satz "Man lebt in seinen Kindern weiter.". Wir haben zwei Kinder in denen wir weiterleben, aber wir haben auch ein Kind, bei dem es nicht möglich ist. Man sollte den Satz ergänzen: "Aber mit dem Tod eines Kindes stirbt auch ein Teil von dir.".

Wir mussten erst wieder langsam lernen zu lachen, Spaß zu haben, zu leben. Als ich das erste Mal nach Jaros´ Tod auf einer Feier war, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob es mir überhaubt zusteht Spaß zu haben. Inzwischen lachen wir wieder häufiger, haben Spaß und es gibt sogar unbeschwerte Momente. Aber steht all das einem nicht auch dann zu, wenn man trauert? Es heißt doch nicht, wenn man einmal lacht ist die Welt wieder in Ordnung! Trotzdem ist diese Leere in mir, die große Trauer und auch Wut. All das ist Teil von unserem Leben und wir müssen lernen damit umzugehen. Inzwischen bin ich soweit, daß ich glaube das wir es schaffen.

Ich stelle es mir manchmal bildlich vor. Wir sind unseren Lebensweg gegangen, und mit Jaros´  Tod in ein tiefes Tal gestürzt - völlig unvorbereitet. Natürlich muß man sich nach so einem Sturz erstmal darüber klar werden, was gerade passiert ist. Man schaut sich um, muß sich orientieren,den Weg nach oben finden. Irgendwann sieht man ihn - den steilen, unendlich weiten und bedrohlichen Weg nach oben. Es ist beängstigend, und man überlegt, ob man nicht doch lieber hier bleibt. Vorsichtig nähert man sich, wagt die ersten Schritte und rutscht hilflos wieder nach unten. Ein neuer Versuch kostet Kraft und Überwindung. Man sucht nach Hilfe, aber die wenigen Helfer die man entdecken kann stehen oben, am Ende des Weges. Es ist schwer sie zu entdecken und ihre Hilfe anzunehmen. Aber auch für die Helfer ist es nicht leicht uns zu erreichen. Und es stehen auch andere Menschen dort oben. Solche, die mit unbedachten Worten kleine und große Steine in das Tal schubsen, die uns manchmal schwer treffen, manchmal "nur" streifen.

Wir befinden uns gerade am unteren Rand dieses Weges. Die helfenden Hände haben uns erreicht. Einerseits verzweifelt, andererseits auch mutig klammern wir uns am Wegesrand fest, um nicht wieder ganz nach unten zu rutschen. Manchmal gelingt uns das ganz gut, manchmal rutschen wir auch ein Stück, aber immer mit der Gewissheit, das da ein paar wenige Hände sind, die uns halten. Und wenn wir uns umdrehen, sehen wir, wie weit wir schon gekommen sind, was wir schon geschafft haben.

Es gibt ein Lied von ROSENSTOLZ, daß diesen Weg sehr gut beschreibt.

"Wenn du jetzt aufgibst"

Unter anderem heißt es in dem Text "Im Tal der Tränen liegt auch Gold, komm laß es zu das du´s dir holst". Ich finde diese Aussage so treffend. Denn nicht alles ist jetzt negativ. Wir haben durch Jaro auch unheimlich viel dazu gelernt, sind um einiges reicher geworden. Unser Blickwinkel für viele Dinge hat sich verändert. So schlimm dieses Erlebnis auch war und ist, so möchten wir das alles nicht missen. Jaro nicht, und auch nicht die Erfahrungen die wir gemacht haben. Es scheint widersprüchlich zu sein. Natürlich hätten wir unseren kleinen Engel am liebsten hier bei uns, aber dann wären wir auch ärmer um all die Erfahrungen die wir durch ihn gemacht haben. Ich glaube wirklich verstehen können das nur die Menschen, die ähnliches erlebt haben.

Lieber Jaro,

wir vermissen dich so sehr,

aber du hast deinen Platz in unseren Herzen

und bist uns so stets nah.

Wir danken dir für all das was wir durch dich gelernt und erfahren haben.

Auch wenn es oft sehr schmerzlich war.

Wir haben dich ganz doll lieb!  

 

        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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